Ich selber verbinde mit Manila und den Philippinen allgemein mehr als nur Sightseeing und wunderschöne Strände. Viele Emotionen sind für mich seit meinem Aufenthalt vor vierzehn Jahren mit diesem Land verbunden. Und natürlich sind mir die Filipinos selber besonders ans Herz gewachsen.
Als ich vor vierzehn Jahren auf die Philippinen reiste, hatte ich nicht wirklich eine Ahnung was mich erwarten würde. In diesem kleinen Dorf, etwa fünfzig Kilometer nordöstlich von Manila, arbeitete ich mit philippinischen, männlichen Drogenabhängigen in einer offenen Rehabilitationsklinik. Sechs Monate dauerte ein Aufenthalt für die Abhängigen. Einige gingen bald wieder, manchmal kamen sie zurück, andere blieben sogar länger, da sie manchmal einfach keinen anderen Ort hatten, wo sie hingehen konnten.
Lorelie, meine philippinische Freundin
Ich teilte damals ein wirklich kleines Zimmer mit Lorelie. Lorelie ist eine philippinische Sozialarbeiterin und nennt sich auch Bonsai, da sie sehr klein ist. Aufgrund fehlender Fensterscheiben teilten wir zwei das Zimmer manchmal auch noch mit anderen Lebewesen. Während diese manchmal unangenehmer Natur waren, erwies sich Lorelie für mich als Riesen grosse Hilfe. So übersetzte sie anfänglich teilweise für mich, sie zeigte mir wie man Wäsche richtig von Hand wäscht und wie man am besten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln reist. Sie nahm mich mit zu ihr nach Hause wo ich auch ihre Familie kennen lernte. Auch bei meinem ersten Besuch in einem Armenviertel begleitete sie mich. Ebenso hat sie mich in sprachlicher Hinsicht unterstützt. Ich liebe Sprachen und habe Lorelie mit Fragen nach Wörtern und Sätzen gelöchert und somit dank ihr ganz gut Tagalog gelernt.
Arm aber herzlich
Vor meinem damaligen Aufenthalt wurde ich oftmals gefragt, ob ich denn keine Angst hätte. So weit weg, irgendwo im Nirgendwo und dann noch mit diesen Männern. Wovor und weshalb sollte ich denn Angst haben, wenn ich nicht wusste, was kommen würde? Anschliessend konnte ich diese Frage dann einfach beantworten. Nein, ich brauchte nie Angst zu haben. Weder im Umgang mit diesen Männern noch irgendwo unterwegs. Auch in den schäbigsten Gegenden, bei den ärmsten Menschen hatte ich nie Angst.
Es gehörte nicht zu meiner Aufgabe, die Elendsviertel zu besuchen. Wir betreuten aber viele abhängige Kinder und Jugendliche. Mehr oder weniger alle davon kamen aus einem der Armenviertel in Manila. Nach drei Monaten bei uns durften sie für eine Nacht und zwei Tage nach Hause. Und da wollten sie mich gerne dabei haben. So kam es, dass ich die verschiedenen Elendsviertel und viele Menschen kennen lernte. Viele verschiedene Arten von Unterkünften habe ich gesehen, mich über vieles gewundert, viele Fragen gestellt, viele Konserven und Reis gekauft und verschenkt, Spitalbesuche mitgemacht, kranke Kinder herumgetragen, Früchte und Gemüse verkauft, haarsträubende Geschichten gehört, viel gelacht und zugehört und mich nie, wirklich nie gefürchtet. Ich fühlte mich wohl und beschützt bei diesen Menschen, die wirklich gar nichts haben und dankbar sind, wenn man sich einfach für Sie und ihr Leben interessiert.
Reich aber künstlich
Neben der Armut habe ich auch den Reichtum gesehen und miterlebt. Damit will ich sagen, dass ich auch sehr reiche Menschen kennengelernt habe. Mein damaliger philippinischer Chef Robert stammt aus einer sehr reichen Familie. Er selber war sehr lange drogenabhängig und hat dann die Rehabilitationsklinik gegründet wo ich gewohnt und gearbeitet habe. Robert war manchmal in der Klinik, manchmal unterwegs. Es gab ein paar Familienanlässe, an die er mich mitgenommen hat. So beakm ich neben all der Armut einen Einblick in das Leben der Reichen in diesem wunderschönen Land. Ich durfte bei pompösen Feiern dabei sein, war in grossen und schönen Häusern und habe über die riesigen Unterschiede in diesem Land gestaunt. Während ein gut situiertes Kind seinen Geburtstag mit Tischen voll mit Geschenken feiert (ein Clown unterhält die Kinder, Teller werden nie leer gegessen, aber immer wieder gefüllt etc.), werden die ärmeren draussen vor der Türe von einem Wächter davon gejagt. Natürlich haben die sehr reichen Menschen Angestellte, nicht nur eine Putzfrau und eine Köchin, nein, da gibt es eine ganze Schar von Menschen, die irgendetwas wegräumen, aufräumen, putzen, wegwischen, waschen, bewachen, pflegen, herumtragen, hinterherräumen u.s.w. Richtig wohl gefühlt habe ich mich in diesen Umgebungen nie. Vieles wirkte übertrieben und künstlich. Ich habe mich ehrlich gesagt bei den armen Menschen wohler gefühlt.
Freunde, Freude und Emotionen
Natürlich habe ich viele weitere Freundschaften geschlossen und konnte sie während all diesen Jahren aufrecht erhalten. Ich habe damals auch an einer philippinischen Hochzeit teilgenommen. Dort war ich sogar eine der Brautjungfern und hatte somit ein spezielles Kleid zu tragen, sowie während der Predigt eine bestimmte Aufgabe für das Hochzeitspaar zu übernehmen. Das hiess dann sehr gut zuhören während der Predigt, die nämlich nur in Tagalog gesprochen wurde. Ebenso habe ich ein mittlerweile 12 Jahre altes Patenkind. Dieses ist die Tochter eines Freundes. Er war damals bei uns in der Klinik in Behandlung.
Viele dieser Menschen habe ich nun während unserem Aufenthalt wiedergesehen. Ich war nervös, sehr nervös, bevor ich meine Freunde wieder getroffen habe. So nervös, dass ich vor den Treffen nicht geschlafen habe. Wir haben viele Erinnerungen aufgefrischt, neue geschaffen und uns über die letzten, vielen Jahre ausgetauscht. Lorelie, die nun in einem Spital für psychisch kranke Menschen arbeitet, hat uns natürlich noch in unsere Unterkunft begleitet und wir hatten einen wirklich lustigen Abend. Sofort wusste ich wieder, weshalb ich sie damals sofort ins Herz geschlossen habe: Sie ist lustig, unkompliziert, hat einen speziellen Humor und die typische philippinische Einstellung, dass man jeder Situation etwas Positives abgewinnen kann.
Filipinos und Filipinas sind extrem herzlich, hilfsbereit, eher scheu, aufgeschlossen, aber nie aufdringlich. Sie freuen sich ehrlich, wenn man sie anspricht und sich für sie interessiert. Trotz der manchmal sehr harten Lebensumstände vergessen sie nie zu lachen. Damals und jetzt hatte ich eine wunderbare Zeit. Ich komme wieder, hoffentlich nicht erst wieder nach 14 Jahren.